{"id":1887,"date":"2016-02-22T00:30:22","date_gmt":"2016-02-21T22:30:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martin-arnold.eu\/?p=1887"},"modified":"2016-02-23T00:08:56","modified_gmt":"2016-02-22T22:08:56","slug":"menschheitsgeschichte-vor-30-jahren-wuerde-anbieten-und-people-power","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martin-arnold.eu\/?p=1887","title":{"rendered":"Philippinen schrieben 1986 Menschheitsgeschichte"},"content":{"rendered":"<h4><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"color: #ff0000;\"><strong><em>W\u00fcrde anbieten<\/em> <em>\u2013 People Power<\/em>: <\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #ff0000;\">Die planm\u00e4\u00dfige gewaltfrei-g\u00fctekr\u00e4ftige Beendigung der Marcos-Diktatur <\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\">.<\/span><br \/>\n<\/span>Bericht und <strong>Kommentar<br \/>\n<\/strong><em>von Martin Arnold<\/em><\/h4>\n<h4>A <span style=\"color: #000000;\"><strong>Bericht: <\/strong><\/span><\/h4>\n<p><em><a href=\"http:\/\/www.martin-arnold.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/Philipp1986-02-24MenschnGgPz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1886\" src=\"http:\/\/www.martin-arnold.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/Philipp1986-02-24MenschnGgPz-300x199.jpg\" alt=\"Philipp1986-02-24MenschnGgPz\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/www.martin-arnold.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/Philipp1986-02-24MenschnGgPz-300x199.jpg 300w, https:\/\/www.martin-arnold.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/Philipp1986-02-24MenschnGgPz.jpg 562w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><strong>&#8222;Menschenmenge stoppte Panzer&#8220; WAZ-Titelseite<br \/>\n24.\u00a0Februar 1986<\/strong> <\/em><\/p>\n<p><strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/youtu.be\/1guSlBcXuMc\">4-Minuten-Video vom 24. 2. 1986 hier<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong>Erstmals in der Meschheitsgeschichte wurde 1986 durch systematisch geplantes gewaltfrei-g\u00fctekr\u00e4ftiges Vorgehen eine brutale Diktatur \u00fcberwunden. Der philippinische Diktator Ferdinand Marcos wurde dazu gebracht, das Land zu verlassen. Die Befreiung beruht<\/strong><\/p>\n<p>auf einer bewussten, 1984 getroffenen Entscheidung f\u00fcr die gewaltfrei-g\u00fctekr\u00e4ftige Vorgehensweise, und die Oppositionellen bereiteten sich pers\u00f6nlich und methodisch intensiv auf die Anwendung dieses Konzepts vor. Der Erfolg hatte bald Folgen in den Bewegungen und Organisationen f\u00fcr die Menschenrechte in Thailand und anderen L\u00e4ndern Asiens sowie auf Madagaskar. Diese Menschheitserfahrung ist jedoch weit dar\u00fcber hinaus von Bedeutung: <strong>Gewaltfreies Vorgehen mit G\u00fctekraft hat bei kompetenter Vorbereitung\u00a0 gute Erfolgschancen, hoch ger\u00fcstete Gewaltherrschaft zu \u00fcberwinden.<\/strong><\/p>\n<p>Was geschah in dem Inselstaat?<\/p>\n<p>Anfang der 1980er Jahre nahmen sowohl der wirtschaftliche Niedergang gro\u00dfer Teile des Volkes als auch die Unterdr\u00fcckung durch das Marcos-Regime auf den Philippinen erschreckend zu. Weitaus die meisten Einwohner der gro\u00dfen Inseln geh\u00f6ren der katholischen Kirche an. Viele Priester und Ordensleute setzten sich f\u00fcr die Armen und gegen die Verarmung auch politisch ein. Viele Oppositionelle, darunter Gewerkschafter*innen und Studierende, wurden von der Polizei geschlagen, verhaftet oder ermordet. Die dagegen agierenden Kommunisten bewaffneten sich im Untergrund und bekamen immer mehr Zulauf.<br \/>\nBenigno Aquino war einer der Hoffnungstr\u00e4ger des Volkes gegen Marcos. Seine lebensl\u00e4ngliche Gef\u00e4ngnisstrafe durfte er durch einen krankheitsbedingten Aufenthalt in den USA unterbrechen. Er entschied sich, in die Heimat zur\u00fcckzukehren, um sich weiter f\u00fcr die Befreiung des Volkes von der Diktatur einzusetzen und zwar auf dem Weg der G\u00fctekraft, meist \u201enon-violence\u201c genannt. Trotz der Warnungen von Marcos, er k\u00f6nne \u201ef\u00fcr seine Sicherheit nicht garantieren\u201c, flog der beliebte Politiker in die philippinische Hauptstadt zur\u00fcck. In Manila wurde beim Aussteigen aus dem Flugzeug erschossen. Das war 1983. Seitdem demonstrierten viele Menschen regelm\u00e4\u00dfig gegen die Diktatur. Doch an der diktatorischen Politik \u00e4nderte sich nichts. Immer mehr Menschen kamen zu der \u00dcberzeugung: \u201eMan sieht es ja: Gewaltfreiheit bringt nichts.\u201c Immer weniger kamen zur friedlichen Demonstration. Immer mehr schlossen sich dem bewaffneten Untergrund an. Die Spannung steigerte sich, B\u00fcrgerkrieg lag in der Luft.<br \/>\n1984 folgte das Wiener Ehepaar Jean und Hildegard Goss-Mayr einem Hilferuf von Ordensleuten aus Manila. Sie fuhren zun\u00e4chst durchs Land, um die Menschen und die Lage kennen zu lernen. Dann erl\u00e4uterten sie f\u00fchrenden Oppositionellen, Gewerkschaftsf\u00fchrern, Studierenden, auch Kirchenleuten und Menschen aus der b\u00fcrgerlichen Opposition, darunter Benignos Bruder Agapito Aquino (\u201eButz\u201c), das gewaltfreie Einsatzkonzept der G\u00fctekraft und sagten ihnen, dass die Entscheidung daf\u00fcr \u2013 bei einem skrupellosen Gegner \u2013 genauso die Bereitschaft zum Einsatz des Lebens erfordere wie das Konzept der Gewalt. Sie erkl\u00e4rten ihre Bereitwilligkeit, Schulungen und Seminare durchzuf\u00fchren, sobald eine Entscheidung f\u00fcr gewaltfreies Vorgehen gefallen sei, und reisten nach Wien zur\u00fcck.<br \/>\nIm Juni 1984 wurden sie zur\u00fcckgerufen. Sie hielten Seminare f\u00fcr Multiplikatoren ab, darunter auch eins f\u00fcr 30 Bisch\u00f6fe. Eine neue Organisation wurde gegr\u00fcndet, die auf breiter Ebene Schulungen und vielf\u00e4ltige andere Vorbereitungen ins Werk setzte. Die neue Zeitschrift \u201eW\u00fcrde anbieten\u201d informierte und mobilisierte die breite \u00d6ffentlichkeit. Der Glaube spielte eine gro\u00dfe Rolle: Die biblische Botschaft mit ihren vielen Befreiungsgeschichten (Exodus usw.) wurde als Impuls zur Befreiung neu entdeckt; religi\u00f6se Riten wurden neu mit Inhalt gef\u00fcllt und immer mehr auf die eigene Situation der Unterdr\u00fcckung bezogen \u2013 so wuchs der Boden f\u00fcr die \u201eRosenkranzrevolution\u201c.<br \/>\nAls Marcos f\u00fcr den 7. Februar 1986 aufgrund au\u00dfenpolitischen Druckes der USA sehr kurzfristig Wahlen ansetzte, traf die Organisation NAMFREL mit Hochdruck Vorbereitungen f\u00fcr die Wahl: Verschiedene Szenarien der Regierung wurden durchgespielt von Stimmenkauf, Urnenklau und Wahlbetrug bis Ignorieren des Wahlergebnisses, und es wurden jeweils verschiedene Aktionsm\u00f6glichkeiten dagegen ausgearbeitet. In einer Zeltstadt in Manilas Innenstadt-Park wurden permanent und massenhaft Schulungen angeboten und g\u00fctekr\u00e4ftige Haltung und Methoden, auch durch Fasten, einge\u00fcbt. Am Wahltag retteten Ordensfrauen Urnen vor Bewaffneten, die sie entwenden wollten: Sie hielten die Stimmzettelbeh\u00e4lter mit den Worten \u201eNur \u00fcber meine Leiche!\u201c fest. Nach der Bekanntgabe eines falschen Wahlergebnisses wurde zum Boykott der Banken, die Marcos nahestanden, \u00fcbergegangen usw.: <em>Nichtzusammenarbeit mit dem Unrecht<\/em>. Marcos-Treue zerst\u00f6rten den einzigen unabh\u00e4ngigen kirchlichen Sender Radio Veritas \u2013 worauf die Betreiber vorbereitet waren, sodass nach kurzer Zeit die Sendungen weitergingen. Teile des Milit\u00e4rs begannen, sich von Marcos zu distanzieren, und verschanzten sich im Camp Aginaldo, Kardinal Sin rief die Bev\u00f6lkerung auf, den Marcos abtr\u00fcnnigen Soldaten Schutz zu bieten und Nahrung zu bringen, was sofort massenhaft geschah. Einer Kampfhubschrauber-Einheit befahl Marcos, das Meuterer-Camp zur\u00fcckzuerobern. Die Soldaten dort bereiteten sich auf ihr Sterben vor, die Eroberer-Einheit aber solidarisierte sich mit ihnen. Dann rollten Panzer-Einheiten in Richtung auf das Camp zu, aber die Bev\u00f6lkerung begab sich, von Kardinal Sin aufgerufen, massenhaft auf die Stra\u00dfe und stellte sich, angef\u00fchrt von Nonnen und Priestern, Brote und Blumen anbietend, singend und mit dem Vater-Unser und dem Rosenkranz-Gebet auf den Lippen, viele mit Tr\u00e4nen in den Augen, den Panzern entgegen &#8211; <a href=\"https:\/\/youtu.be\/1guSlBcXuMc\">Video hier<\/a> &#8211;\u00a0 die Panzer stoppten, mit den Soldaten wurde gesprochen und sie fuhren nach Stunden zur\u00fcck. Die Herrschaft des Diktators war zerfallen. Nach der Zusage der abtr\u00fcnnigen Milit\u00e4rs, es werde nicht auf seinen Hubschrauber geschossen, verlie\u00df er mit seiner Familie den Regierungspalast.<br \/>\n.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00c4ltere m\u00f6gen sich erinnern: Manchen ist noch die skurrile Nachricht von den mehr als 1200 Paar Schuhen von Marcos Frau Imelda in Erinnerung, die in dem Palast gefunden wurden.<br \/>\n.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Am 24. Februar 1986 erlebte die Welt, wie <em><strong>W\u00fcrde-Anbieten<\/strong> <\/em>politische Macht entfaltete: <em><strong>People Power<\/strong>.\u00a0<\/em>Seitdem wird dieser neue Ausdruck (neben <em><strong>Nonviolence<\/strong><\/em> und <em><strong>Power of Goodness<\/strong><\/em>) weltweit f\u00fcr die gewaltfrei-g\u00fctekr\u00e4ftige Vorgehensweise gebraucht. Die <em>massenhafte Nichtzusammenarbeit mit der Diktatur<\/em> steckte auch die &#8222;Sicherheitskr\u00e4fte&#8220; an, ihre zuvor st\u00e4rkste St\u00fctze. <em><strong>Eigent\u00e4tigkeit, Ansteckung und Nichtzusammenarbeit<\/strong> mit dem Missstand<\/em> sind die drei Hauptwirkungsfaktoren des g\u00fctekr\u00e4ftigen Vorgehens.<br \/>\n.<br \/>\nEine wichtige Erfahrung: Die politisch Aktiven waren zu wenig auf die Aufgabe der Neugestaltung nach dem Ende der Diktatur vorbereitet, die alten Strukturen blieben stark. Das Vorgehenskonzept wurde weiterentwickelt. So strebten die \u00dcberwinder der Diktatur auf Madagaskar von vornherein auch eine Verfassungsreform an, siehe\u00a0 <a href=\"http:\/\/wp.martin-arnold.eu\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/2011-1030.-G%C3%BCtekraft-Gesamtstudie_002.pdf\"><em>G\u00fctekraft: Ein Grundmodell der Wirkungsweise erfolgreicher gewaltfreier Konfliktaustragung nach Hildegard Goss-Mayr, Mohandas K. Gandhi und Bart de Ligt<\/em><\/a>, S. 107ff.<\/p>\n<h4>B <strong>G\u00fctekr\u00e4ftig Handeln =W\u00fcrde anbieten<\/strong><\/h4>\n<h5>Der Ausdruck \u201eW\u00fcrde anbieten\u201c (Philippinen-Sprache Tagalog: \u201eAlay Dangal\u201c) bezeichnet das g\u00fctekr\u00e4ftige Vorgehen unter grundlegenden Aspekten, beruhend auf folgenden Annahmen:<br \/>\no\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Jedem Menschen kommt eine unver\u00e4u\u00dferliche W\u00fcrde zu.<br \/>\no\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Jeder Mensch will in seiner W\u00fcrde respektiert werden.<br \/>\no\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Menschen zu sch\u00e4digen verletzt die W\u00fcrde von Opfer und T\u00e4ter.<br \/>\no\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Das Angebot des Opfers zur Vermenschlichung der Beziehung kann T\u00e4tern die Chance bieten, die eigene W\u00fcrde und die W\u00fcrde des Opfers wiederherzustellen<br \/>\n.<br \/>\nSch\u00e4digen (\u201eGewalt\u201c) sieht unter dem Aspekt der W\u00fcrde so aus: Die sch\u00e4digende Person (\u201eT\u00e4ter\u201c) verletzt die eigene W\u00fcrde, indem sie ohne R\u00fccksicht auf ihre eigene W\u00fcrde handelt. Die gesch\u00e4digte Person (\u201eOpfer\u201c) wird entw\u00fcrdigt, das hei\u00dft, ohne R\u00fccksicht auf deren W\u00fcrde behandelt. Die sch\u00e4digende Person als Subjekt macht die gesch\u00e4digte Person zum Objekt. \u201eW\u00fcrde anbieten\u201c hei\u00dft: Die gesch\u00e4digte Person l\u00e4sst sich nicht (l\u00e4nger) zum Objekt machen, sie <em>nimmt die Opferrolle nicht an<\/em> und bietet gleichzeitig der sch\u00e4digenden Seite die M\u00f6glichkeit an, die <em>T\u00e4terrolle zu verlassen.<\/em> Zu Alay Dangal geh\u00f6ren Handlungsweisen, deren gemeinsamer Gestus das Anbieten ist. Daf\u00fcr bedarf es keiner dritten Person als \u201eRetter\u201c, wohl aber wird eine neue \u201aInstanz\u2019 eingef\u00fchrt, die allgemein hohe Wertsch\u00e4tzung genie\u00dft: die W\u00fcrde. Angeboten wird, die Beziehung neu zu gestalten als eine, in der <em>sich beide mit gleicher W\u00fcrde begegnen<\/em>.<br \/>\nDas Anbieten er\u00f6ffnet dem T\u00e4ter neu die M\u00f6glichkeit, vom Sch\u00e4digen deshalb abzulassen, weil er so die eigene W\u00fcrde und das Verh\u00e4ltnis zum Gegen\u00fcber wiederherstellen kann. Die anbietende Person wei\u00df, dass sie niemanden zwingen kann, auf Gewalt zu verzichten, dass also das Angebot abgelehnt werden kann. Das Annehmen ist f\u00fcr religi\u00f6se Menschen ein &#8222;Wunder&#8220;, &#8222;Wirkung des Heiligen Geistes&#8220;, nicht erzwingbar, ein Geschenk.<br \/>\nG\u00fctekraft als \u201eW\u00fcrde Anbieten\u201c setzt keine Religiosit\u00e4t voraus. Das Konzept ist interreligi\u00f6s anwendbar. Mit G\u00fctekraft k\u00f6nnen alle m\u00f6glichen sozialen Missst\u00e4nde \u00fcberwunden werden, auch solche, die mit institutionell abgesicherter R\u00fcstung skrupellos aufrechterhalten werden.<\/h5>\n<h5>.<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00fcrde anbieten \u2013 People Power: Die planm\u00e4\u00dfige gewaltfrei-g\u00fctekr\u00e4ftige Beendigung der Marcos-Diktatur . Bericht und Kommentar von Martin Arnold A Bericht: &#8222;Menschenmenge stoppte Panzer&#8220; WAZ-Titelseite 24.\u00a0Februar 1986 4-Minuten-Video vom 24. 2. 1986 hier Erstmals in der Meschheitsgeschichte wurde 1986 durch systematisch geplantes gewaltfrei-g\u00fctekr\u00e4ftiges Vorgehen eine brutale Diktatur \u00fcberwunden. 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